Dr. Ellis Huber: Gute Pflege braucht Nähe

Gute Pflege braucht Nähe
Ja, es gibt sie immer noch in großer Zahl: Ärzte, Krankenschwestern, Pflegekräfte mit sozialem Empfinden und menschlichem Blick. Auch wenn es ihnen Politik, Kassen und Verbände immer schwerer machen – sie gehen eine menschliche Beziehung zu ihren Patienten und Betreuungspersonen ein. Deren Probleme, Bedürfnisse und Wünsche stehen im Vordergrund ihrer Tätigkeit. Sie blicken nicht zuerst auf Honorarsätze, Leistungskomplexe oder Abrechnungsmodalitäten, sondern sie ergründen zuvorderst, welche Hilfe die Menschen wirklich brauchen. Ja, es gibt sie noch – aber es werden täglich weniger.

„Es herrschen unmenschliche Arbeitsbedingungen“

Ein Krankenpfleger, eine Krankenschwester bleibt in Deutschland durchschnittlich nur 7,5 Jahre im Beruf. Dann wirft die gelernte Fachkraft das Handtuch. Da wir eine Lebensarbeitszeit von mindestens 40 Jahren haben, gibt es drei bis vier Mal so viele pflegekompetente Menschen in der Bevölkerung, als gegenwärtig tätig sind. Tendenz steigend. Das hängt mit den unmenschlichen Arbeitsbedingungen zusammen. Und es liegt an der quälenden Situation für alle Beteiligten. Ob Betreuer, Betreuter oder Angehöriger eines zu Betreuenden: Kaum einer ist glücklich. Die einen wie die anderen fühlen sich als Objekt einer Maschinerie, die sie zu etwas zwingt, was sie gar nicht wollen. Betreuung und Pflege sind heute vergleichbar mit stupider Fließbandarbeit. Abgerechnet wird nach in Heller und Pfennig definierten Leistungskomplexen wie „Ganzwaschung“, „Teilwaschung“ oder „Hilfe bei der Nahrungsaufnahme“. Dahinter steckt ein entmenschlichtes industrielles Arbeitsmuster, das systematisch Beziehungen zerstört.

„Gute Beziehungen tun gut“

Dabei gibt es in der Betreuung hilfsbedürftiger Menschen kaum Wichtigeres als gute zwischenmenschliche Beziehungen. Verständnis, Vertrauen, Verlässlichkeit sind das, was Pflegedürftige von Angehörigen wie Betreuern am meisten suchen. Gute Beziehungen tun gut! Vor diesem Hintergrund brauchen wir eine neue Kultur des Miteinanders. Sie liegt quasi vor unserer Haustür. Denn sie erwächst am besten in Nachbarschaften. Man kennt den Ort, man kennt sich und man weiß, wer gerade Unterstützung benötigt. Ein Paradebeispiel für eine persönliche Betreuung im Wohnumfeld finden wir in Holland: Es heißt Buurtzorg - Nachbarschaftshilfe. Dieses Modell beziehungsgestützter Pflege, in dem mittlerweile 10.000 Fachkräfte mit großem Elan und viel Freude in kleinen Teams über 70.000 Menschen täglich bestens betreuen, macht zudem die Gesamtversorgung um fast 40 Prozent preiswerter. Und alle Beteiligten sind zufriedener: Die Pflegekraft, weil sie in ihrem Beruf ihrer Berufung folgen kann und für ihre Betreuungspersonen ungehindert Hilfe auf menschlicher Beziehungsbasis leisten kann. Der Betreute, weil ihm der vertraute Helfer aus der Nachbarschaft ein verständnisvoller und verlässlicher Partner ist. Ein solches häusliches Pflegesystem ist auch in Deutschland machbar. Auch Betreuung persönlich, ist ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung einer Nachbarschaftshilfe. Doch will man Betreuer und Pfleger aus der Nähe in das jetzige System sinnvoll einbinden, braucht es eine andere Finanzierungsbasis.

„Der Pflegenotstand liegt nicht am Geld“

Es erfordert eine Organisation, die künftig nicht mehr über die Hälfte des Geldes für sinnentleerte, überflüssige Bürokratie und Dokumentationspflichten ausgibt. Wir brauchen ein Pflegesystem, bei der das Geld in die menschlichen Beziehungen fließt. Deshalb müssen wir die Pflegekräfte künftig auch für den Zeitaufwand bezahlen, den sie in ihre soziale Arbeit stecken. Zeitpauschalen sind viel menschlicher als vordefinierte Leistungskomplexe nach dem Fließbandschema. Der Pflegenotstand liegt nicht am fehlenden Geld. Er liegt an einer Politik, die Menschen entmündigt und zu Objekten von Gesetzen, Verwaltung und Kommerzialisierung degradiert. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der sozial verantwortliche Personen effektiv und effizient zusammenwirken können. Das geht am besten in der Nachbarschaft. Das geht dort, wo die Menschen zu Hause sind und ihre Heimat haben.

Zur Person:

Dr. Ellis Huber, ehemaliger Berliner Ärztekammerpräsident, ist Geschäftsführer der St. Leonhards Akademie, Vorsitzender des Berufsverbands der Präventologen, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin und ausgewiesener Experte für das Gesundheitswesen.

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