Interview mit Dr. Richard Spies, Geschäftsführer von Betreuung persönlich

Dr. Richard Spies ist Gründer und Geschäftsführer der „Betreuung persönlich Service GmbH & Co. KG“ mit Sitz in Übersee am Chiemsee.
Seine Idee: Der Aufbau einer Nachbarschaftshilfe für betreuungs- oder pflegebedürftige Menschen durch qualifizierte Betreuungspartner. Der Startschuss für dieses in Deutschland einmalige Projekt fiel im Dezember 2017 im Chiemgau. Auf Grund der großen positiven Resonanz unter Pflegekräften, Senioren und deren Angehörigen wird dieses neue Modell häuslicher Pflege nun nach und nach in ganz Deutschland angeboten.

Herr Dr. Spies, jede Idee braucht bekanntlich jemanden, der sie zum Leben erweckt. Deshalb zu Beginn eine ganz persönliche Frage: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich als langjähriger Manager und Unternehmer im Bereich der Bildung dem Thema Pflege zuwandten?

Wie oft im Leben sind es eigene Erfahrungen bei der Betreuung meiner Mutter, die zunehmend Hilfe zuhause benötigte und auf keinen Fall in ein Altenheim wollte.
Oft will man als Angehöriger diesen schleichenden Prozess der zunehmenden Hilfsbedürftigkeit nicht wahrhaben und hat auch Angst vor den Konsequenzen.
Nach einem schweren Sturz konnte meine Mutter nicht mehr allein leben. Ich aber wohnte 200 Kilometer entfernt.
Da kam mir ein Ausweg in den Sinn. In der Nachbarschaft musste es doch Menschen geben, die sich gegen Bezahlung stundenweise um meine Mutter kümmern könnten. Doch dafür fehlte ein geeignetes Angebot. So ist die Idee entstanden, ein neues Modell der Nachbarschaftshilfe zu entwickeln.

Wo sehen Sie die Hauptschwächen in den gegenwärtigen Angeboten häuslicher Pflege?

Häusliche Pflege erfolgt meist durch Pflegedienste, die nur für extrem kurze Zeit einen Betreuer vorbeischicken. Dabei kommt vor allem das menschliche Bedürfnis nach Kommunikation zu kurz. Gerade das Gespräch und das Gefühl, dass sich jemand kümmert, ist für die Gesundung oder die Erhaltung des aktuellen Gesundheitszustands sehr wichtig.
Ausländische Kräfte haben meistens Sprachbarrieren und keine pflegerische Ausbildung. Solche Angebote sind nach deutschem Recht auch häufig nicht legal, da eine 24-Stundenpflege mit dem deutschen Arbeitsrecht schwer vereinbar ist, was für Kunden zu Problemen mit Sozialversicherungsträgern führen kann.

Wie unterscheidet sich das Angebot von „Betreuung persönlich“ von anderen Anbietern?

Uns ist wichtig, dass sich die Betreuungspartner Zeit nehmen – auch für Gespräche und soziale Kontakte. Man weiß heute, dass Einsamkeit im Alter für zahlreiche Krankheiten verantwortlich ist, etwa für Depressionen und Herzerkrankungen.

Ebenso wichtig sind Bewegung und richtige Ernährung. Beides fördert Gesundheit und Lebensfreude auch im Alter. Wir versuchen unsere Kunden dabei zu unterstützen, auch im Alter ein glückliches
und selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir bieten auch Sicherheit und Entlastung für die Angehörigen, auf deren Schultern häufig die gesamte Verantwortung ruht und deren eigenes Leben zu kurz kommt. Die Krankheitsquote bei pflegenden Angehörigen ist erschreckend hoch.

Warum ist Flexibilität für betreuungs- und pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen so wichtig?

Unser flexibles Angebot ist keine Standardleistung, sondern individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten.
Es richtet sich zum einen nach dem Grad der Hilfsbedürftigkeit, die auch über die Pflegegrade unterschiedlich finanziert werden. Zum anderen geht unser Modell auf die persönlichen und zeitlichen Wünsche ein – manche Betreuungspersonen brauchen nur wenige Tage oder Stunden Hilfe, andere sieben Tage die Woche. Durch individuelle Vereinbarungen mit dem Betreuer können wir bei hoher Qualität auch ein kostengünstiges Angebot machen. Niemand muss für Leistungen bezahlen, die er nicht benötigt. Wichtig ist uns in diesem Zusammenhang auch eine faire Bezahlung unserer Betreuungspartner. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Gibt es für so ein Modell überhaupt genügend Fachpersonal?
Dies ist ein großes und aktuelles Thema. Beim Start von „Betreuung persönlich“ prophezeiten mir viele, ich würde in Deutschland keine Betreuungskräfte finden.
Das Gegenteil ist der Fall! Allein in der Job-Börse des Arbeitsamtes findet man über 70.000 arbeitssuchende Kräfte, die durchschnittliche Verweildauer im Pflegeberuf liegt bei 7,5 Jahren. Es gibt also einen riesigen verdeckten Arbeitsmarkt.
Dazu kommen viele erfahrene Pflegekräfte im Ruhestand, die von ihrer Rente nicht leben können. „Betreuung persönlich“ hat kein Problem, qualifizierte selbstständige Betreuer zu finden.

Sie sagen selbstständig. Sind die Betreuer und Pfleger denn nicht bei Ihnen angestellt?

Genauso individuell wie die Wünsche unserer Betreuungspersonen sind auch die unserer Betreuungspartner. Einer der Schlüssel für gute Arbeit ist eigenverantwortliches Handeln. Darauf legen
unsere Betreuungspartner großen Wert.
Sie sind selbstständig im Haupt- oder Nebenberuf, alle sind Mitglied in der Berufsgenossenschaft, alle sind kranken- und rentenversichert und besitzen eine Berufshaftpflichtversicherung. Durch
eigenverantwortliches Handeln und den Verzicht auf einen großen Verwaltungsapparat können wir unsere Dienste sehr kostengünstig anbieten – bei gleichzeitig fairer Entlohnung unserer Partner.

Eine letzte Frage: Bei Ihnen erhalten nach Ihren Worten auch die Betreuer eine persönliche Betreuung. Wie sieht diese aus?

„Betreuung persönlich“ versteht sich als Netzwerk und wir bauen selbstständige regionale Teams von jeweils 5 bis 10 Betreuungskräften auf. Diese werden unterstützt durch Beratung und Fortbildungsangebote in der Betreuung AKADEMIE, etwa zum Thema Prävention.

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